Julie's Bookhismus

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Career Suicide - Bill Kaulitz

Nackt, ehrlich, unterhaltsam, großartig

Ich habe nie viel von Tokio Hotel gehalten, weil es mir egal war. Das gleiche Baujahr hat ja noch lange nichts zu heißen. Als der Hype kam, so viele Jahre zuvor gefühlt, war ich auf einer ganz anderen Wolke und sah das nur von weit weg. Dass das aber alles nicht gesund sein kann, war mir schon damals klar, hatte ich es bei so vielen meiner Idole zuvor schon beobachtet. Die Musik war halt einfach nicht meins, deswegen war ich da ohnehin außenvor.

Ganz anders heute. Die Musik ist immer noch nicht ganz meins, aber der Mensch hinter Bill ist, wie ich, erwachsen geworden, die Blickwinkel haben sich geändert, „man geht anders an Dinge ran“. Er ist immer noch durchgeknallt und vielleicht auch ein bisschen drüber, aber mittlerweile „darf“ man das und es zeichnet ihn aus. Genau das, was diese ganzen Hinterwäldler brauchen. Kaum zu fassen, dass man einem jungen Kind damals schon so viel Hass entgegen schmetterte, nur, weil er anders aussah. Aber was will man von einer Gesellschaft wie Deutschland auch anderes erwarten. Hier sind schon immer alle irgendwie konservativer. Was hat uns die Kirche doch versaut und zu Weltfremden werden lassen!

Dieses Buch ist großartig! Ich kann es gar nicht anders beschreiben. Mir gefällt, dass Bill sich quasi auf diesen knapp 400 Seiten „nackt“ auszieht. Er hat so eine krasse Persönlichkeit, die man damals versucht hat zu verstecken, dass ich glaube, man hat mir ein Brett vor den Kopf geschlagen, weil das eben alles nicht zur deutschen „Mentalität“ gepasst hat und man uns Kinder davon fernhielt. Umso beeindruckender finde ich, dass hier alles knallhart und ehrlich erzählt wird! Und ja, auch ALLE Worte und die feuchten Mösen sind genau am richtigen Platz. Sogar das Vorwort von dem Stuckrad-Typ war einfach nur phänomenal! Genau SO muss ein Vorwort zu einer Biographie sein. Und nicht immer dieses Dahingeplätscher, als würde man eigentlich drauf scheißen, was drin steht, Hauptsache seinen Senf dazugeben.

Ob Bill arrogant rüberkommt, ich denke das liegt ganz eindeutig am Blickwinkel. Er ist genau der, der er sein will und das ist doch das Wichtigste, oder? Man könnte jetzt sagen, er überschätze sich selbst und dieses alberne Geschwafel, was man sonst so liest. Aber, NEIN, ganz eindeutig hat er es geschafft, aus dieser ganzen konservativen Deutschlandkacke rauszukommen und für sich selbst seinen Frieden zu finden. Und genau das ist es, was mich so sehr beeindruckt!

Ich bin jedenfalls beeindruckt über diese erstaunliche Entwicklung und ich hoffe, dass man es zukünftigen Kindern, die anders sind, einfacher gestaltet, als sie gleich auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. ANDERS SEIN IST GUT! Nicht zuletzt waren die größten Freigeister und Künstler der Geschichte „anders“.